Save the date:
Jahresthema TelefonSeelsorge Lübeck 2016 „EINSAMKEIT“.

Gemeinsam gegen Einsamkeit
TelefonSeelsorge Lübeck setzt mit Jahresthemen öffentliche Statements
LÜBECK. Etwas mehr als eine Million Menschen leben im Einzugsgebiet der TelefonSeelsorge Lübeck. Von Fehmarn bis vor die Tore Hamburgs erstreckt es sich. Irgendwo mitten in der Lübecker Altstadt sitzen Menschen Tag und Nacht am Telefon und nehmen ab, wenn es klingelt. 60 bis 80 Mal am Tag. Die Anrufer haben vielfältige Gründe – Trauer, Arbeitslosigkeit, Sucht oder Liebeskummer: Die Ehrenamtlichen haben für alles ein offenes Ohr. Sie hören aber nicht nur gut zu, sie schreiben auch auf. Etwa 25000 Mini-Protokolle allein im Jahr 2015 haben sie erstellt und ausgewertet.

Wenn aus Zahlen Themen werden
Bereits zum dritten Mal hat sich durch diese Zahlen für die Lübecker TelefonSeelsorge ein Thema geradezu aufgedrängt.
2011 standen die „Kriegskinder – Kriegsenkel: die langen Schatten des Krieges“ im Mittelpunkt. Das Interesse war riesig. Die TelefonSeelsorge Lübeck ließ das Thema nicht los – Lübeck war nach dem Krieg Zufluchtsstätte von rund 80000 Flüchtlingen.
2013 hieß das Jahresthema „Bruchstücke – Kindsein im zweiten Weltkrieg“. Über zwei Wochen gab es in der Briefkapelle der Lübecker Marienkirche die Möglichkeit zum Gespräch. Die Menschen waren aufgerufen, Gegenstände ihrer Kindheit mitzubringen und zu erzählen. Und sie kamen, mit einem Foto in der Tasche oder dem alten Teddy im Arm. Die Menschen erzählten von Flucht und Vertreibung, von Angst und Schweigen aber auch vom Ankommen und Durchatmen. Die Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge hörten zu. Ein Fotoprojekt fügte die persönlichen Bruchstücke in einer Ausstellung zu einem Mosaik zusammen. Die Stadt kam ins Gespräch, die Kriegskinder hatten endlich die Gelegenheit, zu erzählen.
2016 nun steht die „Einsamkeit“ über dem Jahr.
Es ist mehr, als einfach nur allein zu sein. Es ist ein Gefühl, tief im Inneren: leer, irgendwie unfertig – einsam. Dieses schmerzhafte Gefühl macht sich bei immer mehr Menschen breit. Das beobachtet die Lübecker Telefonseelsorge seit einigen Jahren.
2015 nannten 14 Prozent der Anrufer Einsamkeit als Grund für den Griff zum Hörer. „Doch das Thema schwingt bei vielen Gesprächen im Hintergrund mit“, weiß Pastorin Marion Böhrk Martin. Sie leitet die Telefonseelsorge Lübeck. Offenbar gibt es eine gesellschaftliche Entwicklung, die einsames Leben geradezu fördert.

Wenn viele Gründe ein Thema werden
Die Zahl der Einzelhaushalte hat sich in den letzten 50 Jahren mehr als verdoppelt. In der Hansestadt sind über die Hälfte alles Wohnungen Single-Haushalte.
Bei Arbeitslosigkeit oder Jobwechsel gehen soziale Beziehungen schnell verloren. Denn sie beschränken sich häufig nur auf das enge Berufsumfeld. Dauerhafte Beziehungen entwickeln sich erst über einen langen Zeitraum. Das ist nur schwer möglich, wenn der Berufsort häufig gewechselt werden muss.
Jugendliche erleben eine sich wandelnde Lebenswirklichkeit: Das Netzwerk aus familiärer oder schulischer Betreuung bekommt immer weitere Maschen. Können sie in Ausbildung und Arbeit nicht Fuß fassen, kommt es oft zu Tag- und Nachtumkehr. Einsamkeit und Frust nehmen zu, der Kontakt zur unmittelbaren Umwelt geht verloren. Die Nutzung virtueller soziale Plattformen verstärkt diese Entwicklung.

Wenn aus Themen Veranstaltungen werden
Drei große Veranstaltungen organisiert die Telefonseelsorge Lübeck in diesem Jahr. Ganz unterschiedliche Zielgruppen hat sie dabei im Blick. Zwar ist Einsamkeit an sich keine Krankheit. „Aber dieses Gefühl ist ein guter Nährboden für psychische Erkrankungen“, so Böhrk-Martin. Außerdem stelle Einsamkeit einen gesellschaftlichen Makel dar. „Niemand würde sagen: Ich bin einsam.“ Vielmehr spreche man davon, Single zu sein oder allein zu leben. Das ist sozial akzeptiert.
Mit der Diplompsychologin Dr. phil. Eva Wlodarek hatte die Telefonseelsorge im Frühjahr eine bekannte Autorin von Ratgeberbüchern nach Lübeck geholt. „Einsam. Vom mutigen Umgang mit einem schmerzhaften Gefühl“ ist ein Bestseller. Der Vortrag war informativ und unterhaltsam, bot Hilfe zur Selbsthilfe in akut einsamen Situationen. Die Resonanz war groß. Ein zweiter Termin musste her, der ebenfalls voll besetzt war.

„Houston!“ (mit Ulrich Tukur in  der Hauptrolle: Das Herz ist ein einsamer Headhunter; Musik Michael Rother, Urmitglied der Krautrockband “Neu“!) heißt ein Film zum Thema Einsamkeit im Kommunalen Kino Lübeck. Am 9. November 18.30 Uhr  wird er in Kooperation mit Der TelefonSeelsorge gezeigt, im Anschluss gibt es die Möglichkeit, mit der Psychotherapeutin Dr. Hanna Petersen ins Gespräch zu kommen.

Wenn aus Veranstaltungen Diskurs wird
Am 12. November 2016 findet das „Lübecker Symposion gegen Einsamkeit“ statt. Die Telefonseelsorge Lübeck spricht hier gezielt ein Fachpublikum und fachlich interessierte Menschen an. Das Symposion stellt den Kampf gegen die Einsamkeit als dringliches Anliegen der Gesellschaft in seinen Mittelpunkt und will das Thema stärker ins Bewusstsein rufen. Namhafte Fachleute werden Impulsvorträge halten. Mit dabei sind zum Beispiel der Theologe Prof. Dr. theol. Fulbert Steffensky und Prof. Dr. Klaus Junghanns, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKSH Lübeck. Im Anschluss wird es Gelegenheit zur Problemdarstellung und Diskussion geben.

Dann ist man nicht mehr allein
Ursprünglich sollten die Jahresthemen zur vertiefenden Fortbildung der Telefonseelsorgenden sein. Daraus haben sich jedoch Statements gegenüber der Öffentlichkeit entwickelt, die auf großes Interesse stoßen. Das wichtigste jedoch ist: Hinter den Zahlen und Themen der TelefonSeelsorge Lübeck stehen Menschen, die im öffentlichen Diskurs keine Stimme haben. Ihre Sorgen und Nöte machen sie mit sich allein aus. Das Jahresthema aber zeigt ihnen, dass sie nicht allein sind. Hilfe ist erreichbar – 0800/1110222

Lübecker Symposion gegen Einsamkeit

TelefonSeelsorge Lübeck geht mit ihrem Jahresthema „Einsamkeit“ an die Öffentlichkeit und organisiert ein großes Symposion.
LÜBECK. Sie ist ein Tabu, das stetig wächst: Einsamkeit. Die TelefonSeelsorge Lübeck weiß aus ihrer Arbeit, dass immer mehr Menschen einsam sind.
Zwar ist Einsamkeit an sich keine Krankheit. „Aber dieses Gefühl ist ein guter Nährboden für psychische Erkrankungen“, sagt Pastorin Marion Böhrk-Martin. Sie leitet die TelefonSeelsorge Lübeck mit ihren rund 100 ehrenamtlich Seelsorgenden. Um die 25.000 Gespräche führt die TelefonSeelsorge Lübeck im Jahr. Einsamkeit ist der Hauptgrund, aus dem die Menschen zum Hörer greifen. Einsamkeit stellt einen gesellschaftlichen Makel dar. „Niemand würde sagen: Ich bin einsam“, so Böhrk-Martin. Vielmehr spreche man davon, Single zu sein oder allein zu leben. „Das ist sozial akzeptiert.“

Mit dem „Lübecker Symposion gegen die Einsamkeit“ am Sonnabend, 12. November 2016 von 10 bis 17 Uhr, setzt die TelefonSeeslorge ein öffentliches Zeichen. „Das Thema ist viel zu ernst, als dass es weiter in der Grauzone der Gesellschaft bleiben kann“, sagt Marion Böhrk-Martin.
Von einer einsamen Gesellschaft spricht die britische Mental Health Foundation bereits im  Jahr 2010. Bei ihren Recherchen und Erhebungen kam sie überein, dass immer mehr  Menschen, unabhängig von Alter, Lebenssituation und Geschlecht, Einsamkeit beklagen und
überwinden wollen.
Da setzt das Symposion in Lübeck an. Es richtet sich an Fachleute und fachlich interessierte Menschen.
Jeweils drei kurzen Impulsvorträgen folgt eine Gesprächsrunde.

Den Auftakt macht Prof. Dr. theol. Fulbert Steffensky zum Thema  „Einsamkeit im Alter“. Klaus Deuber ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit des Jugendpfarramtes der Nordkirche. Er referiert zu den Schlagworten „Jugendliche, social media und Einsamkeit“. Prof. Dr. Klaus Junghanns von der Universität zu Lübeck setzt einen Impuls zu „Jede Sucht macht einsam“.

Nach der Mittagspause geht es weiter mit Dr. med. Isabel Kriegeskotten-Thiede. Die Hausärztin und Fachärztin für Innere-  und Palliativ - Medizin nimmt das Thema „Einsam im Kranksein – jeder Mensch braucht sein eigenes Rezept“ unter die Lupe. Pastor Wolfgang Irmer von der Beratungsstelle für Partnerschafts-, Ehe- und Lebensfragen referiert zu „Paarprobleme – gemeinsam einsam“. Reinhard Böttner von Hempels, dem sozialen Straßenmagazin in Schleswig-Holstein, spricht zu „Armut macht einsam“.

Nach der Kaffeepause berichtet Frank Gottschalk von seinen Erfahrungen als Krankenhauspastor mit Einsamkeit. Brigitte Aßmus vom Caritasverband Lübeck nimmt das Thema „Alt und/oder krank zuhause – Risiko für soziale Isolierung und Vereinsamung“ in den Blick. Den Abschluss der Impulsvorträge macht Detlef Kosakowski. Er ist leitender Koordinator des Vereins Lübecker Hospizbewegung. Sein Thema lautet „Um nicht in Einsamkeit die letzten Lebenstage zu verbringen...

Das Symposion findet im Katharineum, Königstraße 27-31, statt. „Wir haben uns bewusst für eine Aula als Begegnungsstätte für das Symposion entschieden“, so Marion Böhrk-Martin. Die letzte Veranstaltung zum Jahresthema „Einsamkeit“ sei so stark angenommen worden, dass ein zweiter Termin angesetzt wurde. „Das hat uns gezeigt, dass das Thema wichtig ist und viele Menschen bewegt.“ Die Teilnahme am Symposion ist kostenfrei, um eine Hutspende wird gebeten.

Rückblick:

Lübecker Symposion gegen Einsamkeit

„Einsamkeit ist tödlich“ (Victor Staudt, Überlebender eines Suizidversuches)
Am 12. November 2016  10 – 17 Uhr hat die TelefonSeelsorge Lübeck und ihr Förderverein zu einem „Lübecker Symposion gegen Einsamkeit“ eingeladen. Referenten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten – unter anderem Professor Dr.theol.  Fulbert Steffensky, der sich extra von Luzern nach Lübeck auf den Weg gemacht hat - haben Impulsvorträge  gehalten, um anschließend mit dem Publikum in einen regen Austausch zu kommen. Ziel war, den offenen Umgang mit der Einsamkeit und ihre Überwindung als dringliches Anliegen unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Veranstaltung richtete sich an Fachleute aus den psychosozialen Einrichtungen und fachlich interessierte Menschen. Circa 200 Menschen haben an dem Symposion teilgenommen.


Seit ein paar Jahren wird an unseren Telefonen Einsamkeit zusehends mehr thematisiert: waren es vor 10 Jahren noch an die 7 %, so wird sie mittlerweile in rund 15 %  aller  25.000 Gespräche in Lübeck  direkt beklagt, also in jedem 4ten Gespräch.  Und es gibt viele Anrufende, die wissen gar nicht, dass das, worunter sie leiden, Einsamkeit ist. Sie klagen über innere Leere, oder eine vage Unzufriedenheit, die an ihnen nagt;  sie fühlen sich getrieben von nicht zu stillender Unruhe, als würde in ihrem Leben irgendetwas fehlen.
Drei eindrückliche Beispiele:
*Ich bin auf der Suche nach meinem Leben“ antwortet ein älterer Anrufer auf die Frage, was ihm seine von ihm selbst zeitlich sehr kurz bemessenen Anrufe bei uns denn brächten. Vor 2 ½ Jahren sei seine Frau gestorben, seitdem seien Familienserien im Fernsehen seine tägliche Hilfe gewesen. Aber er fühle sich so leer, daran gehe er jetzt kaputt.
* Eine Anrufende trauert um den langjährigen Partner, der sich von ihr getrennt hat. Sie hat eine Menge Bekannte, mit denen sie sich per facebook und whatsapp austauscht „aber ich habe niemanden der die Trauer mit mir aushält“, sagt sie. Sie fühlt sich unruhig, aufgewühlt und gelähmt zugleich, hat nachts schlimme Alpträume, fühlt sich einsam in der Wohnung, in der alles an den Partner erinnert. *Ein Junge, 15 Jahre alt, schildert, wie er in der Schule gemobbt wird. Bei den Mädchen sei er der Looser, mit seinen Eltern redet er schon lange nicht mehr richtig. Einsam fühlt er sich, solange er denken kann. Er kann sich nicht vorstellen, sein wahres Gesicht zu zeigen. Er hat Sorge, es dann ganz und gar zu verlieren.


Einsamkeit – so geben unsere Statistiken Auskunft – kann jeden treffen, gleich welchen Alters, ob in Partnerschaft lebend, ob reich oder Harz4-Empfänger, ob mit oder ohne Arbeit.
Männer beklagen sie häufiger als Frauen, Alleinlebende weitaus mehr als Menschen, die mit anderen zusammenleben.  Je älter die Menschen werden, desto mehr sind sie betroffen- ab 60 Jahren rutschen die Zahlen hoch, ab 80 sind es ganze 40,5 %, die Einsamkeit und den Mangel an sozialen Beziehungen zum Thema machen.
In unseren Supervisionen und auf internen Studientagen stellten wir fest: Einsamkeit kennen wir auch auf unserer Seite des Telefons.  Wir begegnen eigenen Einsamkeiten in den Gesprächen mit Anrufenden: Einsamkeit, die schmerzlich in Erinnerung ist; akuter Einsamkeit, Teil-Einsamkeit, die einen nur in bestimmten Situationen immer wieder packt.
Einsamkeit: sie zählt zu einem der größten und stärksten Gefühle, die unser Leben bestimmen. Sie tut weh wie ein Schlag. Wenn wir abgewiesen werden, wird die gleiche Region der Großhirnrinde aktiv wie bei einer körperlichen Verletzung. Der Organismus will also, das wir das Gefühl der Verlorenheit ernst nehmen.-  Einsamkeit ist oft unliebsame Begleiterin verschiedenster Lebens- und Entwicklungsphasen. Sie kann etwas positives sein und gibt in mancher Gestalt Kraft und erschließt neue Erkenntnisse. In anderer Form jedoch lähmt sie und entzieht einem jegliche Kraft. Dann kann sie Bluthochdruck, Herzerkrankungen und Schlafstörungen begünstigen, Nährboden sein für alle möglichen psychischen Erkrankungen, hauptsächlich Depressionen. Dann kann sie auch tödlich sein: wenn aus der Depression heraus ein Selbsttötungsversuch erwächst. Einsamkeit zählt zu den unantastbaren und gefürchtetsten Phänomenen unserer Gesellschaft. Sie ist von einer Tabuzone umgeben. Sie passt nicht in das gängige Bild der sozialfähigen und sozialkompetenten Person.
Die Anonymität unseres telefonischen Seelsorgeangebots macht es leichter, in das Tabu einzudringen. Das  Telefon hält die direkte Nähe, die verletzbar macht, fern. So ist es manchmal möglich, gemeinsam über Wege hinaus aus der Einsamkeit nachzudenken. Manchmal gelingt es auch nur, Menschen für eine Zeit ihre Einsamkeit vergessen zu lassen, wenn die Wiederangliederungsmotivation an andere Menschen fehlt und man im Gespräch die beginnende Depression spürt. Beratung und Therapie wird als Möglichkeit empfohlen.
Doch was ist mit Einsamkeit in der Öffentlichkeit unserer Gesellschaft? haben wir uns gefragt. Einsamkeit ist tückisch- sie lässt sich im Ausdruck des Gefühls und im Gesicht gut verbergen, was es andererseits aber auch schwer macht für einen Betroffenen, sich mit ihr authentisch zu outen. Doch bedeutet die vordergründig scheinbare Abwesenheit der Einsamkeit ja nicht, dass sie nicht existiert. Die Dunkelziffer all jener Menschen, die ihr Dasein in tiefer und schmerzvoller Einsamkeit fristen, lässt sich  nur erahnen.
Um darauf aufmerksam zu machen, haben wir dieses Symposion ins Leben gerufen. Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Thema. Wir wollten mit Personen, die im Direktkontakt mit Hilfesuchenden und Kranken stehen, gemeinsam darüber nachdenken: Ist Einsamkeit bei euch ein Thema? Woran ist sie zu erkennen? Was führt bei wem zu Einsamkeit? Wie kann man ihr beikommen?  Was können wir gemeinsam tun? Nimmt Einsamkeit zu oder haben nur mehr Menschen Mut, sich via Internet oder in anonymer Beratung und Seelsorge zu diesem schmerzhaften Gefühl zu bekennen?
Dabei beschränken wir uns mit unserem Blick auf Einsamkeit bewusst nur auf den deutschen Kontext. Schon s o ist unser Bemühen um Systematik gründlich gescheitert: Das Thema Einsamkeit ist so komplex, dass es unmöglich an einem Tag zu umfassen ist. So haben wir Lebensbefindlichkeiten ausgewählt, die nun kaleidoskopsartig aneinandergereiht sind und doch innerlich zusammenhängen. Und da Einsamkeit nirgends offensichtlich ist, haben wir Referenten aus sehr unterschiedlichen Bereichen eingeladen, in denen Menschen einsam sein kö n n t e n.
Unsere These: Einsamkeit ist nicht nur eine subjektive Befindlichkeit. Keinesfalls  nur Thema für Seelsorge, Beratung oder Therapie.  Sie hat auch eine soziale Dimension.
Unser erster Referent, der den Hauptvortrag gehalten hat, war Prof. Dr. theol. Fulbert Steffensky. Theologische Betrachtungen des Themas standen uns außer Frage, ist die TS doch schließlich eine kirchliche Einrichtung. Bei ihm habe ich als Theologiestudentin gelernt, dass die Kirche sich nicht selber gehört, sondern den Leiden und den großen Fragen des Gemeinwesens. Was er über die Einsamkeit im Alter zu berichten weiß? Einsam macht es, schmunzelt er, wenn die Angehörigen beginnen, über einen zu reden statt mit einem. Wenn es eine zweite Lesart gibt hinter der ersten offiziellen. Er könne Einsamkeitsgefühle am Schreibtisch genießen, wenn er seine Frau in der Wohnung herumwerkeln höre. Doch wenn die Wohnung leer sei, könne alles, was vorher Freude gemacht hat, sinn- und bedeutungslos werden. Man müsse sich hüten vor Strategien der Selbstentmutigung. Was gegen Einsamkeit helfe? Wir können nicht sein, ohne in Güte angeschaut zu werden. Bedürftigkeit nach dem anderen, angewiesen zu sein und das auch laut zu sagen  sei eine Schönheit des Menschen. Des Weiteren sei arbeiten können eine gute Sache: er genieße es sehr, immer wieder zu Vorträgen eingeladen zu werden und zu schreiben. Gebraucht zu werden: er liebe es, zuweilen seine Enkel zu hüten und um Rat gefragt zu werden. Sich ein soziales Umfeld zu gestalten- auch wenn es bislang nicht zum Lebenskonzept gehörte: sich aufzumachen, um in Interessensgruppen Menschen zu treffen. Und sich eine Struktur im Alltag zu bewahren und nicht in eine „Ist doch alles egal“-Haltung zu verfallen, gebe großen Halt.   


Worin sich alle Referenten einig waren:
Die Gesellschaft ist geprägt von Werten wie Unabhängigkeit, Leistungsfähigkeit, körperlicher Unversehrtheit bis hin zum perfekten Körper und „cool“ drauf sein, auch wenn es mir schlecht geht. Wer diesem Ideal nicht standhält durch Alterungsprozesse, körperlichen Abbau, durch Suchterkrankung oder überhaupt zu erkranken und dadurch immobil zu werden, durch Verarmen aufgrund von Arbeitslosigkeit und den Folgeproblemen, wird aus der Bahn geworfen. Hat weniger Möglichkeiten, an der Gesellschaft teilzunehmen. Und der Mensch beginne sich zu verändern. Er wird misstrauisch anderen Menschen gegenüber, verlernt den „small talk“, wird unbeholfen im Kontakt, positive Zuwendung wird nicht mehr wahrgenommen.  Und das mache dann noch einsamer. Einsamkeit sei ein sich selbst verstärkender Prozess. Betroffen machten die Erfahrungen des Krankenhauspfarrers, der erzählte, dass die Angewiesenheit eines schwerkranken Menschen die wenigsten miterleben und aushalten wollen.
Was hilft? Mut und Kraft und manchmal ein Impuls von außen. Selber den ersten Schritt machen. Raus aus der eigenen Welt, aus der „Mond-“ in die „Sonnenposition“ kommen: das sei der schwerste Schritt. Wünsche äußern- einen offenen Umgang mit der eigenen Einsamkeit pflegen, aufkommende Gefühle von Einsamkeit unbedingt ansprechen, Achtsamkeit üben auch den  kleinen Zuwendungen gegenüber, sich nötigenfalls professionelle Unterstützung holen.  Für diejenigen, die einsame Menschen wahrnehmen: Einsamkeit ansprechen. Ernsthaft Zeit haben. Wirklich emotional berühren. Nachfragen. Ein wirklich offenes Ohr haben. Und für alte Menschen wurde immer wieder der Ruf laut nach barrierefreiem Wohnen und einem besseren Quartiersmanagement. Mit der Aufforderung, einen Moment lang ein berührendes eigenes Erlebnis in sich wachzurufen und das Lächeln, das einem dieses aufs Gesicht zaubere, dem Nachbarn links und rechts zu schenken (was zur allgemeinen Erheiterung beitrug) und einem Segen wurden die Teilnehmenden verabschiedet.

Marion Böhrk-Martin

 

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich war im November in Lübeck auf dem Symposium gegen Einsamkeit und möchte Folgendes dazu sagen: Sie besetzen mit der Veranstaltung in meinen Augen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Es ist darüber hinaus eines der letzten großen Tabu-Themen und man kann Ihr Engagement deshalb gar nicht hoch genug loben. Ich habe es noch nie erlebt, dass ein solches Thema durch verschiedene Referenten so vielfältig und profund ausgeleuchtet wurde. Ihnen ist eine qualitativ sehr hochwertige Veranstaltung gelungen, die für die Organisatoren spricht und sich wiederholen sollte." S.Worm

 

Den Jahresbericht 2016 der TS Lübeck finden Sie hier als PDF-Datei.

Jahresthema 2015

Benefiz-Kammerchor-Festival

am 27. Juni um 19 Uhr in St. Aegiedien/Lübeck

Fünf Kammerchöre. 124 Sängerkehlen. Eine rappelvolle Kirche mit zusätzlich gestellten Stühlen und eine Spendensumme von 2.500 €. Von diesen Fakten abgesehen ging es am Samstagabend nicht um Zahlen, sondern um soziales Engagement, um Chöre, die Ihre Kunst vom zartesten Pianissimo bis zum Fortissimo aufs Vortrefflichste zum Klingen brachten– also Chorgesang vom Allerfeinsten!

Unter der Organisation von Hans-Joachim Lustig haben sich gleich fünf einheimische Ensembles zusammengetan, um für den guten Zweck zu singen: der CANTA! - Mädchenchor, der LÜBECKER KAMMERCHOR, das Frauenvokalensemble INTONARE, der Kammerchor VOCAPELLA LÜBECK und der Kammerchor I VOKALISTI. Gemeinsam singen sie zur Unterstützung der Arbeit der TelefonSeelsorge Lübeck. Stadtpräsidentin Schopenhauer, die das Grußwort der verhinderten Schirmherrin des Konzertes Sozialministerin Kristin Ahlheit verliest, betont die unschätzbare Hilfe der 100 ehrenamtlichen Seelsorger, die an jedem Tag im Jahr rund um die Uhr das Sorgentelefon besetzt hielten und gelungenes bürgerschaftliches Engagement zeigten.

Doch mehr als gelungen, vielmehr bewegend, mal zu Tränen rührend und dann wieder mitreißend ist der Vortrag der Chöre. Mit glockenhellen Stimmen macht der CANTA! - Mädchenchor unter der Leitung von Heidi Becker mit: „Joyfully Sing!“ von Linda Steen Spevacek den schwungvollen, reich beklatschten Auftakt und gibt damit das Motto des Abends vor. Mit gesungenen Psalmen von Felix Mendelssohn Bartholdy werden von dem Lübecker Kammerchor unter Leitung von Andreas Krohn dann sanftere Töne angeschlagen. Zu Herzen gehend das „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“(Psalm 22), das mit kraftvollen und sicheren Stimmen vorgetragen wird. Das Frauenvokalensemble Intonare unter der Leitung von Elena Pavlova führt die ruhige, besinnliche Stimmung fort mit den ergreifend schön und ehrfurchtsvoll gesungenen „Six Choral Songs“ von Sergei Rachmaninov und beendet den ersten Teil des Konzertabends. Nach kurzer Stille brandet großer Beifall auf.

Nach der Pause geht es mit Vocapella unter Leitung von Peter Wolff wieder dynamischer weiter. Hinreißend das „Agnus Dei“ von Urmas Sisak, das mit großer Ausdruckskraft und Sinnlichkeit zu Gehör kam. Das Schlusslicht bildet der 40köpfige Kammerchor I Vocalisti mit seinen überwiegend professionell gebildeten Stimmen unter der schwungvoll –differenzierten Leitung von Hans-Joachim Lustig mit Werken jüngerer Komponisten wie Paul Mealor, Rudolf Mauersberger oder Josu Elberdin. Nahezu zum Heulen schön interpretiert das „Cantate Domino“ des Letztgenannten.

Der wohlverdiente und lang anhaltende Applaus wird zu Recht mit einer Zugabe belohnt. Alle Chöre verteilen sich im Gotteshaus zu einem stimmgewaltig gesungenen Kanon „Da pacem Domine“ von Melchior Franck. Das gab eine Klangfülle, in die man eintauchen möchte- metertief und stundenlang!

Gut zweieinhalb Stunden hat das Konzerterlebnis gedauert, mit einer Pause, in der Getränke und Brezeln verkauft wurden und an Stehtischen vor der Kirche angeregt geplaudert werden konnte. 23 Ehrenamtliche der TelefonSeelsorge haben sich um das Wohl der Gäste und Chöre gekümmert. Das Publikum dankt allen am Schluss mit einem riesigen Applaus.

Das Konzert im Film sehen Sie hier auf Youtube:

Film 1 https://www.youtube.com/watch?t=15&v=pz1JJIrTdKQ
Film 2 https://www.youtube.com/watch?v=6oXcjK0NGSs

 

Girl looking out people on beach


Jahresthema 2014

Bindungen – Bindungsmuster – Bindungsstörungen

 Das Offenlassen aller, mindestens aber vieler Möglichkeiten ist das Sehnsuchtsgefühl der Gegenwart. Immer und zu jeder Zeit auf noch bessere Möglichkeiten warten, sich nicht festzulegen,  noch alles werden zu können, alles immer noch vor sich zu haben, ewig unentschieden zu sein ist zu einer gängigen Lebenshaltung geworden.  Bei  unseren Anrufenden ist dieses Sehnsuchtsgefühl  oft zu Furcht und Qual mutiert. Auf der einen Seite Furcht, sich durch Bindung  jedweder Art den adäquatesten Partner, den erfolgreicheren Job und überhaupt das bessere, schönere Leben durch die Lappen gehen zu lassen.  Auf der anderen Seite keimt das Bedürfnis nach Dauer und Bindung auf, aber der beruflich notwendige Zwang zur Mobilität  steht dem entgegen. Viele beginnen  voller Furcht zu ahnen, dass das eigene Leben ungelebt an ihnen vorbeiziehen könnte. Unsicherheit und Desorientierung sind zentrale Probleme der Menschen geworden. Das führt dazu, dass viele Menschen Nähe vermeiden oder sogar Ängste vor ihr entwickeln. Sorgen und Probleme machen sie eher mit sich selbst ab.

Können S i e über Ihre Gefühle sprechen? Fällt es Ihnen leicht, auf andere Menschen zuzugehen und sich ihnen zu öffnen? Oder gehen Sie schnell auf Distanz?
Die Art und Weise, wie wir Bindungen zu anderen gestalten, sagt nicht nur etwas über unsere gegenwärtige Situation, sondern auch viel über unsere frühe Kindheit und das Verhalten Ihrer engsten Bezugspersonen aus. Die Art, wie Eltern mit ihrem Kind umgehen, lässt vorhersagen, welche Art von Bindung zu dem Kind entsteht und welche das Kind demensprechend selber entwickelt.

Angeborenes Bindungsverhalten 
Sobald ein Ungeborenes das Licht der Welt erblickt, nimmt es mit Stimme und Blick Kontakt zur Mutter auf. Zu seinem Wesen gehört das Bedürfnis nach Gehaltensein und körperlicher Nähe. Und die Mutter weiß instinktiv, was sie tun muss. Dieses angeborene Bindungsverhalten sichert uns seit
jeher das Überleben.  Es kann bei Menschen, aber auch bei höheren Säugetieren  beobachtet werden und ist nach Bowlby ( siehe unten) evolutionsbiologisch verankert.

Das Bindungssystem
Bindung ist also das Ergebnis eines hochkomplexen, interaktiven Wechselwirkungsprozesses zwischen den beteiligten Personen, in die beiden Fähigkeiten einbringen. Doch wie wichtig ist die Bindung des Kindes an die Mutter? Welche Folgen haben Vernachlässigung und zu frühe Trennungserfahrungen?  

Die Mutter hilft, Spannungen abzubauen und die Welt erkunden zu können
Der englische Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby (1907-1990) und die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary S. Ainsworth (1913-1999)entwickelten die Bindungstheorie:  Bowlby hatte am Ende des 2ten Weltkrieges erforscht, was mit Kindern passierte, die ihre Eltern verloren hatten. Er kam zu dem Ergebnis, dass das kleine Kind die Mutter unbedingt braucht, um  mit Spannungen wie Angst oder Schmerzen umgehen zu können. Es hängt eindeutig von der „Feinfühligkeit“ engster  Bezugspersonen gegenüber dem Kind  in den ersten Lebensjahren ab, ob Bindungssicherheit entsteht oder nicht.  Weder Neugier noch Lernen können entstehen, wenn die Grundbedürfnisse des Kindes nach Bindung und Sicherheit nicht erfüllt werden. Nur wenn eine zuverlässige Pflegeperson in Gefahrensituationen einen „sicheren Hafen“ bietet, kann das System „Exploration“ aktiviert werden,  d.h. die Umwelt erforscht werden. Traumatische Trennungserfahrungen in der Kindheit, die keine Bindung oder nur unsichere Bindung entstehen lassen, können psychische Störungen im Erwachsenenalter hervorrufen.

Wie Kinder auf Trennung reagieren
Gerade in bedrohlichen Situationen suchen kleine Kinder  die Nähe zu einer engen Bezugsperson (Mutter oder Vater), die ihnen Sicherheit geben kann. Aus den Erfahrungen in solchen kritischen Bindungssituationen entsteht bei  Kindern ein inneres Arbeitsmodell für Beziehungen, das auch im späteren Leben die Erwartungen an andere enge Beziehungen (zB. Partner/in) beeinflusst.

Unterschiedliche Bindungsmuster
Sie können sich sicher gebunden zeigen, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent oder desorganisiert/ desorientiert.  Unsichere  Bindungsmuster, die zB. durch Elternlosigkeit ausgebildet werden können, verringerten  die Belastbarkeit  der Kinder,  sie zeigen sich oft ängstlich und hilflos, haben Probleme beim  Aufbau von Sozialbeziehungen und zeigen häufiger Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Delinquenz im Jugendalter. Die frühen Bindungserfahrungen, so folgerte Bowlby,  haben also große Bedeutung für die Auswirkungen auf sein weiteres Leben. Um dies zu verdeutlichen, wählte Bowlby das Bild eines Rangierbahnhofes. Dieser hat ein fächerförmiges auseinanderlaufendes Gleissystem. Allerdings sind diese Gleise durch Weichen miteinander verbunden. Frühe Erfahrungen stellen die Weichen für die Entwicklung des Kindes entlang eines  bestimmten Gleises in diesem System. Je weiter dieses Gleis von der „richtigen Spur“ (einer positiven Entwicklung) wegführt- und je länger das Kind bereits darauf unterwegs ist – desto schwerer wird die Rückkkehr auf die „richtige Spur“.

Kinder brauchen „gute“ und weise Erwachsene
Die Entwicklungspsychologen Klaus und Karin Grossmann fassten zusammen, was Bowlby erkannt hat: Um psychische Sicherheit entwickeln zu könne, braucht ein Kind Erwachsene, die stärker und weiser sind und seine Bindungsbedürfnisse befriedigen.    

Aus dem Vertrauen zur frühen Bindungsperson erwächst das Vertrauen zu anderen
Wer als Kind in verzweifelten Situationen Verständnis von den Eltern erhalten hat, der erwartet auch als Erwachsener Verständnis von anderen. Er kann seine Gedanken und seine Gefühle mitteilen. Das trägt zur seelischen Gesundheit bei. Wer nicht mit Verständnis rechnen konnte, der wird auch als Erwachsener gegenüber anderen misstrauisch bleiben und auch für sich selber relativ wenig Verständnis haben. Ein bindungsloser Mensch ist psychisch krank und wegen seiner depressiven und gewalttätigen Neigungen und Impulse eine Bedrohung für sich selbst und andere.   
Tröstlich:  Der Entwicklungsweg  ist nicht automatisch für immer festgelegt. Sowohl von der betreuenden Umgebung als auch von dem Kind/ Erwachsenen selber können die Weichen später umgestellt werden, ist Veränderungspotential da.     

Bindungsstörungen
Auch wenn das Kind eine unsichere Bindung entwickelt hat, wird dieses noch als normales Muster der Anpassung gesehen und ist noch kein Zeichen für eine Bindungsstörung. Erst wenn ein Kind über mehrere Jahre kontinuierlich pathogene Bindungserfahrungen macht (Misshandlung, Gewalt, Verlust), kann dies zu Bindungsstörungen führen. Kinder mit einer Bindungsstörung zeigen erhebliche Veränderungen in Bezug auf verschiedenste Bindungspersonen. Diese treten nicht nur in bestimmten Situationen auf, sondern manifestieren sich als festes Handlungsmuster. Als Bindungsstörung wird die Neigung betrachtet, selbst bei geringfügigen Anlässen Bindungsverhalten (also Schutzsuche) zu entwickeln mit einer entsprechenden Haltung: scheinbares Desinteresse an der Beziehung, Misstrauen gegenüber neuen Beziehungsangeboten, unerklärliche Schwankungen im Beziehungsverhalten, übermäßiger Hass, „Als-ob-Persönlichkeiten“.

Immer mehr Single-Haushalte: Einsamkeit als Konsequenz frühkindlicher Bindungen?
Die neuere Bindungsforschung untersucht, ob zwischen den unterschiedlichen Bindungstypen und Einsamkeit ein Zusammenhang besteht.

  1. Der sichere Typ (sicher-gebunden) Er geht schnell Bindungen ein, kann aber auch gut mit sich allein sein. Gegen Einsamkeit ist er sozusagen immun.
  2. Der ängstliche Typ (unsicher-gebunden) Diese Menschen haben das größte Einsamkeitsrisiko, weil sie emotional einsam sind. Sie haben  einen ungestillten Hunger nach Annahme und Wertschätzung, tun aber so, als bräuchten sie niemanden. Sie sehnen sich nach Nähe und fürchten sich  gleichzeitig vor ihr.
  3. Der anklammerndeTyp (unsicher-ambivalent) Er ist unfähig, allein zu sein. Er geht in der Partnerschaft symbiotische Beziehungen ein,  doch soviel man auch gibt, er fühlt sich immer zu wenig geliebt. Alle Fürsorge und Liebe wird misstrauisch angezweifelt.
  4. Der abweisende Typ (desorganisiert/desorientiert) Es handelt sich um den „geborenen“ Einzelgänger. Autonomie statt Intimität ist sein Motto. Weil er schon früh Ablehnung und emotionale Kälte erfahren hat, so die Bindungstheorie, zieht er sich von Menschen zurück und wendet sich lieber Dingen zu. Im Kontakt ist er höflich und freundlich, doch wenn sich etwas zu entwickeln beginnt, kommt er nicht mehr. Er sucht nach Schutz vor der gefährlich erscheinenden Beziehung.

Auch als Erwachsener kann man noch neue Beziehungserfahrungen machen, die Vertrauen fördern und für ein sicheres Gefühl sorgen.;
Solche Beziehungen lassen sich oft im normalen Lebensumfeld finden. Doch nicht alle haben solches Glück. Dann kann eine Gesprächs-Psychotherapie weiterhelfen, in der die Beziehung zum Therapeuten eine sehr wichtige Rolle spielt. Man erhält ein Gespür dafür, welche Beziehungen gut tun und welche nicht. Viele, die solche eine Therapie mache, suchen  sich später einen anderen Freundeskreis.

Und  was kann die TelefonSeelsorge tun?- Wer nicht bei Trost ist, braucht Trost 

  • Die Institution „an sich“ bietet schon eine emotionale korrigierende Erfahrung. Sie ist verlässlich da, - an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr.
  • damit bietet sie eine  unbekannte,  verlässliche physische und psychische Basis
  • In Gelassenheit vertreibt sie die Angst vor Einsamkeit und Tod.
  • Sie schenkt Zuwendung mit klarer Definition der Grenzen und vorsichtiger Trennung.
  • Sie zeigt Bereitschaft zur Unterstützung und zur „Beelterung“.    
  • Sie unterstützt Selbstreflexion und die Aufnahme affektiver Beziehungen mit dem Ziel,  gute Beziehungserfahrungen zu verinnerlichen.
  • Sie nutzt für ihre Beziehungsarbeit mit den Anrufenden die  Methoden der strukturbezogenen Seelsorge (Fonagy): spiegeln, antworten, containen, markieren, mentalisieren.

mit freundlichen Grüßen
Ihre
Marion Böhrk-Martin,  Leiterin der TelefonSeelsorge

Jahresthema 2013

„Männeridentitäten – Männerkrisen – Männerseelen“

Spannungsverhältnis von Mann und Frau
In den Gesprächen der TelefonSeelsorge kreist es zunehmend mehr um das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern: Frauen beschweren sich wortreich über zu wenig Nähe und Aufmerksamkeit; ihre Männer seien unemotional, sachlich, wenig einfühlsam. Angesichts zunehmender Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit in der Welt wünschen sie sich einerseits einen Mann mit Schulter zum Sich-Anlehnen (aber bitte nicht autoritär!), der aber andererseits auch verletzlich und empfindsam sein, lieben und sich hingeben können, vor allem berechenbarer und kommunikativer sein soll. In Gesprächen mit Männern geht es neben Klagen über die überfordernden Wünsche und Vorwürfe der Frauen zunehmend um ihr eigenes Selbstbild. Aber was ist denn los mit ihrem Selbstbild?  Die Emanzipation der Frauen hat in den letzten Jahrzehnten das Frauenbild sehr verändert  – aber was hat sich für die Männern getan?
Wir haben „die Männer“ und ihre Befindlichkeit in diesem Jahr zu unserem Thema gemacht, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Lesen Sie hier weiter>

Jahresthema 2012

Psychische Erkrankungen im Gespräch am Telefon.

Wie kommt es, dass manche Menschen an ihren schweren Beeinträchtigungen ihr Leben lang leiden, während andere sie überwinden können, ja an ihnen regelrecht wachsen? Unsere Vielfachanrufer zum Beispiel gehören in großer Zahl zur Kriegskinder-Generation. 40% aller Anrufe bei der TelefonSeelsorge werden von ihnen getätigt. Diese Menschen kommen über Jammern und Klagen über ihr Leben selten hinaus. Wir stellen große Unterschiede in Bezug auf Dialogfähigkeit und Verbindlichkeit fest. Ihre oft ansprüchliche und uneinfühlsame Art der Beziehungsgestaltung hat das angestammt soziale Umfeld überfordert, es sind kaum mehr tragfähige Kontakte da. Wir sind für sie sozusagen eine Ersatzfamilie geworden. Die Tatsache, dass in der TelefonSeelsorge alle vier Stunden Schichtwechsel ist, erweist sich für diese psychisch erkrankten Menschen als wahrer Segen. Doch würde aus Segen Fluch werden, würden wir dem oft grenzenlosen Bedürfnis nach „gesehen und gehört werden“ nicht auch Grenzen setzen. Die sowieso spärlichen face-to-face-Kontakte dieser Menschen würden ganz verkümmern.

Warum sind diese Menschen psychisch krank geworden über ihren Beeinträchtigungen? Die psychologische Forschung würde sagen, sie haben keine Resilienz entwickeln können. Resilienz ist die Fähigkeit, erfolgreich mit belastenden Situationen umgehen zu können. Die entscheidende Basis für die Entstehung einer solchen liegt in einer schützenden, wertschätzenden Erwachsenen-Kind-Interaktion. Wenn ich mit einem unserer Vielfachanrufer spreche, fällt mir als Theologin oft ein: es fehlte ihm der Segen einer „guten Mutter“.
Segnen (von gr. eulogeo) bedeutet „etwas Gutes sagen/wünschen“ und „zu signieren“ (von lt. signare), dass wir im Leben des Gesegneten da sein wollen.
Unsere Vielfachanrufer haben sehr wahrscheinlich keinen mütterlich-schützenden Menschen gehabt, der sich ihm als Kind zuneigt hat, Zeit für es hatte, ihm Gutes gesagt hat und ihm zeigte: du bist der Glanz in meinem Auge. Ich bin für dich da.

Wenn die Seelsorgenden mit unseren Vielfachanrufern ins Gespräch kommen, nehmen sie „mütterlich“ das, was an Sorgen und Ängsten, an Wut und Unleidlichkeit von diesen Menschen nicht ausgehalten werden kann, in sich auf. Sie „entgiften“ hässliche Gedanken und Worte. Sie geben Halt. Das macht die Stunden danach für den Anrufenden wieder erträglicher. Über die Jahre gelingt es zuweilen, eine Beziehung aufzubauen. Dann kommt uns dieser Mensch wie ein alter Bekannter vor, mit dem wir gern ein Gespräch führen und auch mal scherzen.

Jahresthema 2011

50 Jahre TelefonSeelsorge in Lübeck.
50 Jahre hören – zuhören – gehört werden.

Vor 50 Jahren, am 17. April 1961, wurden in einem kleinen Gartenhäuschen auf dem Grundstück der ev. Kirchekanzlei in Lübeck die ersten Gespräche am Telefon geführt. Seitdem finden Menschen, die ein Gespräch benötigen, bei uns jeden Tag rund um die Uhr jemanden, der ihnen offen zuhört und mit Wertschätzung begegnet. Kostenfrei. Anonym.Vertraulich.

Das haben wir mit Ihnen in diesem Jubiläumsjahr mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert. Den Link zum Jubiläumsgottesdienst am 10. April 2011 finden Sie hier >

Die Zusammenfassung der Fachtagung am 25. März 2011 "Kriegskinder - Kriegsenkel: Die langen Schatten des Krieges" lesen Sie hier >

 

 

Jahresthema 2010

 

Suizid im Alter
Schwerpunktthema der TelefonSeelsorge Lübeck in 2010



Die TelefonSeelsorge in Lübeck will sich in diesem Jahr verstärkt um ältere Menschen kümmern. Mit dem neuen Slogan "Sorgen kann man teilen" wirbt sie für Menschen, die über 60 Jahre alt sind.
In Deutschland scheiden Jahr für Jahr mehrere tausend ältere Menschen durch Selbsttötung aus dem Leben. Fast alle zwei Stunden legt ein Mensch über 60 Jahre Hand an sich. "Am liebsten wäre ich tot" hören die Mitarbeiterinnen der TelefonSeelsorge von Menschen, die im Alter durch den Tod des Ehepartners allein zurückgeblieben sind oder von Menschen, die ins Heim kommen. Wenn das Leben nicht mehr bewältigt werden kann, wenn durch zunehmende Untätigkeit über Jahrzehnte verdrängter Schmerz wieder ins Bewusstsein steigt, wenn Aufstehen und Anziehen zu unlösbaren Problemen werden, machen sie Ernst mit ihren Phantasien. Dabei ist die Dunkelziffer noch um vielfaches höher: auch wenn lebensnotwendige Medikamente nicht mehr genommen und Essen und Trinken eingestellt wird, spielt Suizidalität häufig eine Rolle.

Aufmerksam machen auf die Lebenssituationen älterer Menschen
Die TelefonSeelsorge Lübeck will mit diesem Schwerpunktthema an die Öffentlichkeit treten, um zu sensibilisieren und aufmerksam zu machen auf die Lebenssituation älterer Menschen, die sich, von allen verlassen, in einer von ihnen als aussichtslos erlebten Situation fühlen.

Das negative Altersbild der Gesellschaft ins Bewusstsein bringen
Denn reagiert die Öffentlichkeit bei Suiziden von jungen Menschen oder Menschen, die sich in der Mitte des Lebens befinden, mit großer Betroffenheit, wird der Suizid im Alter doch eher hingenommen. Das mag an dem negativen Bild von Alter liegen, das in unserer Gesellschaft vorherrscht. Denn die Lebenserfahrungen der älteren Menschen sind kaum gefragt, ihre Krankheiten gelten als negativer Kostenfaktor.

Unterstützen darin, ein sinnvolles Leben zu führen
Die allermeisten Menschen führen auch im Alter ein selbständiges und erfülltes Leben. Doch brauchen sie Unterstützung, neuen Lebensmut zu schöpfen, wenn sie aus Verzweiflung, Einsamkeit und Angst daran denken, ihr Leben zu beenden.

Die TelefonSeelsorge will mit mehreren Maßnahmen, die nach den Sommerferien beginnen, helfen:

  • einer Plakat-Aktion im gesamten Einzugsgebiet der TelefonSeelsorge Lübeck – das von Fehmarn bis nach Lauenburg an der Elbe reicht
  • dem Versenden von Info-Material an viele Alten – und Pflegeeinrichtungen, Altenclubs, Senioren-Treffs etc..
  • Vorträgen zu Suizidprävention im Alter und über die Arbeit der TelefonSeelsorge
  • einem Pressegespräch vor dem Welt-Suizidpräventionstag am 10. September, in dem über Hintergründe und Tendenzen, auch und besonders in der Lübecker Region und den umgebenden Landkreisen informiert wird.

Vor fast 50 Jahren ist die TelefonSeelsorge in Lübeck eingerichtet worden, um Selbsttötungen zu verhindern. Wie auch andere Beratungsstellen machen wir die Erfahrung, dass sich alte Menschen mit ihrer inneren Not und ihren Selbstttötungs - Absichten jedoch nicht so häufig an Institutionen wenden wie jüngere Menschen.
Vielleicht können Sie, liebe Leserein, lieber Leser, ihnen weitersagen, dass die TelefonSeelsorge für alle da ist, rund um die Uhr und an jedem Tag im Jahr. Mit uns können sie über ihre Ängste und ihre Verzweiflung sprechen. Wir versuchen zu verstehen und verurteilen nicht. Sorgen kann man teilen. Diese Erfahrung wünschen wir den alten Menschen, die bisher mit ihrem Kummer allein geblieben sind. Und manchmal lässt sich ein Weg aus der Dunkelheit ins Licht zurückfinden.

Marion Böhrk-Martin, Pastorin, Ehe- und Lebensberaterin, leitet die TelefonSeelsorge in Lübeck





 



» Spenden

Sie wollen die Arbeit der TelefonSeelsorge unterstützen?

Ihre Online Spende hilft uns,
anderen zu helfen.

Spenden Sie jetzt online

» Acrobat Reader

Wenn Sie die PDF-Dateien auf Ihrem PC nicht öffnen können, benötigen Sie den kostenlosen Acrobat-Reader:

Acrobat Download